21 Mai

warten

Wir warten…
auf die Bahn, an der Kasse, auf das Wochenende, unsere Verabredung…

wartendes paar

Warten
(eine Beobachtung)

Aschenbecher gefüllt
Streichhölzer geknickt
Luftlöcher gestarrt
Haar hinters Ohr gestrichen

Serviette zerknüllt
Krümel zusammen geschoben
Krümel verteilt
mit den Fingern getrommelt

in der Kniekehle gekratzt
Daumen gedreht
Beine übereinander geschlagen
mit dem Fuß gewippt

geseufzt
gestreckt
zusammengesunken

bewegungslos gewesen
beobachtet
entdeckt

aufgeatmet
gefreut
gegangen

Text und Foto: Astrid Reimann

21 Nov

Herbstgedanken

Das Licht kommt jetzt völlig neu in Form –
es verschärft die Schnittführung der Gesichter
unter dem Hut.

Auf der Wiese spielt ein Geiger
für die Zugvögel –
der Wind näht kleine graue Hosen
aus der Melodie.

Die Rose hatte in den Nächten
eine verhängnisvolle Affäre mit
knackigen Minusgraden.

Der alte Märchenerzähler entdeckt im Park
eine verlassene Sommergeschichte
unter einem gelben Strauch.

Unsere weiße Bank an frühen Abenden
ist Heimstatt nur noch für
das  verwelkte Laub.

Fotos und Text: Astrid Reimann

 

 

21 Okt

Symbiose Malerin-Autorin

Es gibt sie, diese seltenen genussvollen und überaus reichen Momente im Leben.
Kerstin Conrad stellt im Kino „Kiste“ ihre Aquarelle aus, inspiriert von Meer, Wasser und Natur.
Bevor ich mich auf den Weg in die „Kiste“ machte, dachte ich an mein Gedicht „Gedanken am Meer“, das gut zu ihren Bildern passen würde. Vielleicht könne man ja irgendwann mal was zusammen machen.
Als ich ankam, wurde ich herzlich von Kerstin begrüßt: “ Ich habe auf deiner Website das Gedicht gefunden „Gedanken am Meer„, das würde doch so gut passen, möchtest du es nicht lesen?“

Ich hatte es nicht dabei, denn für mich war klar, dass es IHRE Veranstaltung ist. Also druckten wir es schnell aus und nach der Begrüßung trug ich es vor.
Es fühlte sich so gut an, dass ich etwas Eigenes dazu beitragen konnte, dass wir beide dieselbe Idee hatten.

Fotos: Frank Beidokat

Als danach noch eine Frau auf mich zukam: „Genau so ist es, Sie haben das wunderbar beschrieben, ich komme von der Ostsee“, war mein kleines Glück vollkommen.

Musiker, die spontan eine Session machen, hatte ich immer darum beneidet.
Das war unsere „Session“, noch ausbaufähig und hoffentlich nicht die letzte.
Wenn Sie Lust haben, können Sie ja auf der Homepage von Kerstin Conrad schauen, welches Ihr Lieblingsbild zum Text wäre.

 

28 Aug

Sehnsucht – sieben für 08

Wie ein ungebetener Gast
hat sie sich eingenistet bei mir,
belauert mich,
stielt mir den Atem.

Die Zeiger der Uhr werden
zu Taktstöcken
der klagenden Melodie
des Wartens.

Erst als du wieder bei mir bist,
sehe ich an deinen Narben,
dass das Sehnen auch bei dir
gewohnt hat.

Dann  nimmst du still meine Hand
und deckst uns zu
mit einer Decke aus Erinnerungen.

Und die Sehnsucht

fliegt davon.

Foto und Text: Astrid Reimann

 

 

25 Aug

Der späte Kuss – sechs für 08

Seine Hände legten sich um ihr Gesicht.

Mit zittrigen Fingern berührte er ihre

Sommersprossen,

als wollte er sie zählen.

Ein erstes Mal.

Ein letztes Mal.

 

Er strich ihr eine Haarsträhne

hinter das Ohr

Und ein Lächeln umspielte

seinen harten Mund

für einen Moment.

 

Er liebkoste ihre Hände,

unermüdlich bewegten sich seine Finger

auf ihrer Haut, als wollte er

seinen Namen dort eingravieren.

 

Zaghaft ertastete er ihren Mund –

zusammengepresste, blasse Lippen,

die er gern mit einem Kuss geöffnet hätte.

Ein erstes Mal.

Ein letztes Mal.

 

Sie hatte sich oft gewünscht,

er möge sie berühren,

sie küssen,

ihre Hände liebkosen.

Er hatte sie nie geküsst.

 

Als seine Hände dann still

In ihren ruhten,

küsste sie seine Augen zu und

ihre Lippen legten sich auf seinen Mund

zu einem ersten Kuss.

Zu einem letzten Kuss.