Für Marie

Für Marie

Astrid Reimann

Seine besten Jahre sind vorbei. Er weiß es. Sie füllen seinen Bauch. Bierzeitrechnung. Jeden Tag fünf, manchmal auch mehr. Die Jahre hängen ihm über den Hosenbund.

Er hat sich in die Jeans gezwängt. Wenn er sie trägt, fühlt er sich ein bisschen wie damals, als er noch gebraucht wurde, an der Maschine. Der Motorenlärm in der Halle hat seine Stimme laut gemacht.

„Brüll doch nicht so!“ hat seine Marie immer gesagt.

Marie ist gestorben im letzten Jahr und nun brüllt er nicht mehr und seine Stimme ist in den Bauch gerutscht zu den Bierjahren.

Er sitzt im Café an der Seepromenade, wo er mit Marie oft war. Die Jeans, die er heute trägt, wird schon dünn über dem Hintern und an den Knien. Seine Hände liegen massig auf den Schenkeln. Ab und an greifen sie zum Glas, mehr haben sie nicht zu tun. Dabei konnten sie zupacken. Doch das ist lange her. Länger als Marie von ihm gegangen ist. Sie hatte es gemocht, wenn er sie packte, liebevoll, kraftvoll, einfach hochhob, sein Mädchen, hoch über seinen Kopf, bis sie quietschte.

Heute quietscht nur die Tür zum Schlafzimmer. Er könnte sie ölen. Für Marie. Doch er schläft jetzt auf der Couch, lässt das Bettzeug auch am Tage dort liegen, immer öfter. Meist nickt er beim Fernsehen ein ohne den gewohnten liebevollen Stoß in die Seite: „Du schnarchst schon wieder, alter Brummbär!“

Es ist wenig los heute im Café. Aber der Tisch, an dem er mit Marie saß, ist besetzt. Drei ältere Frauen, die mit Rotwein anstoßen und dabei lachen und schnattern wie junge Mädchen.

Die eine hat Maries Augen. Es tut weh. So heftig, dass er sich an die Brust fassen muss. Vielleicht sollte er nicht mehr trinken? Für Marie.

Er kippt das Glas bis auf eine Neige hinunter und legt einen Geldschein daneben. Beim Aufstehen stützt er sich schwer auf die Tischkante.

Er wirft einen letzten Blick auf ihre Augen. Seine Lippen bewegen sich wie zu einem Gruß.

Und Marie lächelt.

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