Die Tür – eins für 08

Seine Zimmertür ist geschlossen. Sie ist bei ihm.

Die Frau weiß das.

Für einen Moment bleibt sie stehen.

‚Es ist gut, dass sie bei ihm ist’, denkt sie. Bisher gab es doch nur sie beide und ihre Liebe steht auf einem anderen Blatt.

Sie hatte doch immer gewusst, dass es eines Tages soweit sein würde. Nun ist das Mädchen bei ihm.

Sie könnte anklopfen, aber warum?

Sie ist draußen.

Nein, sie steht nur vor einer Tür. Einer neuen Lebenstür. Was wird sie damit anfangen?

Wird sie mutig genug sein, sie einfach aufzustoßen? Wird sie zögernd anklopfen, in der Hoffnung, es öffnet ihr jemand und reicht ihr die Hand? Oder lässt sie sie geschlossen und bleibt, wo sie ist?

‚Wie wird es sein für ihn?’ denkt sie. ‚Wie wird er zu ihr sein?’

Zärtlich, sehr zärtlich, da ist sie sich sicher. So wie er von ihr Zärtlichkeit erfahren hat.

Sie lächelt. Sie steht vor der geschlossenen Tür und lächelt. Es ist schön, dass er nicht allein ist.

Ihr Lächeln bleibt.

Einmal noch huscht ihr der Gedanke durch den Kopf: ‚Wenn ich doch nur bei ihm sein könnte.‚

Natürlich will sie das nicht wirklich. Sie möchte nur nicht, dass er verletzt wird.

Sie wird in dieser Nacht lange nicht einschlafen, denn zum ersten Mal übernachtet ein Mädchen bei ihrem Sohn.

Foto und Text: Astrid Reimann